Souveränität beim Datenaustausch und Miteinander stehen auf dem Wunschzettel

Im Januar 2022 hat Autowerkstatt 4.0 seinen Projektauftrag aufgenommen. Wie das erste Jahr gelaufen ist, welche „Bottlenecks“ ausgemacht wurden und welche Ziele für 2023 ausgegeben werden, verrät Jan Hendrik Schoenke. Der Head of Research and Development beim Konsortialführer LMIS erklärt im Interview, warum Souveränität eine wichtige Rolle bei AW 4.0 spielt.

Souveränität Datenaustausch

Von Ralf Schädel, IT-Redakteur und Projektmanager Cloud Services und Gaia-X bei eco – Verband der Internetwirtschaft e.V.

Autowerkstatt 4.0: Jan, Autowerkstatt 4.0 ist Anfang des Jahres mit großem Enthusiasmus an den Start gegangen. Wie ist das Projekt seitdem vom Kfz-Gewerbe, von KI-Entwicklern und Projektpartnern aufgenommen worden?
Dr. Jan H. Schoenke: In den unterschiedlichen Bereichen wurde es entsprechend different aufgenommen. Wir haben in diesem Jahr gelernt, wie wichtig genaue Begrifflichkeiten sind. So betreiben wir nicht nur Diagnose, sondern eine validierte Diagnose bzw. die Validierung von Diagnosen. Diese Definition ist erforderlich, um zu verstehen, welchen Beitrag Autowerkstatt 4.0 für die einzelnen Branchen leisten kann.

Autowerkstatt 4.0: Könntest du dafür ein konkretes Beispiel geben?
Jan: Werkstätten und Teilehersteller können sich unter validierter Diagnose etwas Konkretes vorstellen, wenn man berücksichtigt, wie bisher mit Diagnose in der Branche umgegangen wird. Es gibt viele Diagnosen, die auf „best guess“ basieren. Hierbei werden aktuelle Teiletauschraten zugrunde gelegt, die auf nicht validierten Diagnosen fußen. Wird ein bestimmtes Teil häufig getauscht, wird es vielleicht in der Folge häufiger vorgeschlagen – ohne, dass dies durch eine validierte Diagnose gerechtfertigt wäre. Dieser Zustand unterstreicht, dass Autowerkstatt 4.0 im Sinne der Nachhaltigkeit einen wichtigen Beitrag leisten kann. Genau dieses Feedback geben uns Teilehersteller und -großhändler, die ihre Logistik verbessern können. Werkstätten sind zudem in der Lage, bessere Entscheidungen für ihre Kunden zu treffen und Flottenbetreiber ihre Instandhaltungskosten erheblich zu reduzieren.

Autowerkstatt 4.0: Lässt sich das auch belegen?
Jan: Am Beispiel der Lambdasonde haben wir erfahren, dass über 90 Prozent der von den Herstellern zurückgenommenen Teile einwandfrei sind.

Autowerkstatt 4.0: Wie sehen die Lösungsansätze auf dem Markt bis dato aus?
Jan: Wir schauen uns Diagnose-Tester verschiedenster Bauart und Hersteller an. Sehr ausgereifte Systeme haben sich auf die OBD-Fehlercodes spezialisiert, um immer differenziertere Diagnosen stellen zu können. Wir ignorieren das nicht, wissen aber auch, dass die On-Board-Diagnostik (OBD) bezüglich der Fähigkeit Diagnosen zu validieren, begrenzt ist. Der Grund ist, dass jeder OBD-Fehlercode mit der Sensorik im Fahrzeug erstellt worden ist. Ist die Sensorik fehlerhaft, wird es auch die Diagnose sein. Genau hier liegt unser Vorteil.

Autowerkstatt 4.0: Inwiefern?
Jan: Schon heute sind wir in der Lage, genau diese Messungen und Schulungen durchzuführen, die ein Bauteil eindeutig als defekt oder fehlerfrei diagnostizieren. Wir wollen immer mehr Erkenntnisse gewinnen, indem wir die Messungen im Projektverlauf weiter ausbauen und automatisiert ablaufen lassen.

Autowerkstatt 4.0: Von der Zukunft wieder in die Gegenwart: Wie fällt deine Zwischenbilanz aus?
Jan:
Sehr positiv. Auch wenn ich in meiner Wahrnehmung sicherlich ein wenig befangen bin, war ich beim zweiten Meilensteintreffen im November wirklich beeindruckt von den einzelnen Beiträgen der Partner. Wir haben uns die technische Integration im ersten Jahr vorgenommen. Ziel war es, uns in die Lage zu versetzen, Messungen direkt aufnehmen zu können und in einer Cloud verfügbar zu machen. Das Teilen der Daten ermöglicht den KI-Entwicklern, auf die Daten zuzugreifen. Diesen Meilenstein haben wir erreicht und damit die technische Basis für viele weitere Aktivitäten gelegt. Wir können jetzt den Blick noch mehr in Richtung der Bedürfnisse der Werkstätten richten.

Autowerkstatt 4.0: Wie ordnest du das Erreichen des zweiten Meilensteins ein? Wie viel Gaia-X ist schon heute in den Werkstätten, bei den anderen Zielgruppen und Stakeholdern möglich?
Jan: Wir haben mit der Demonstration einer Live-Messung und dem anschließenden Datentransfer bzw. der -weiterverarbeitung beim Meilensteintreffen gesehen, dass wir nach allen Regeln von Gaia-X einen souveränen Datenaustausch umsetzen und die Datenhoheit und -zugriffsrechte darstellen und gewährleisten können.

Autowerkstatt 4.0: Was bedeutet das für den weiteren Projektverlauf?
Jan: Für die Verbreitung in der Branche ist weit mehr erforderlich als der Umgang mit den Daten. Wir sind zwar technologisch in der Lage, die erforderlichen Infrastrukturen aufzubauen und zu nutzen. Dieses Niveau in die Breite zu tragen, sodass Werkstätten die Herausforderungen von „verifiable credentials“, das heißt eine digitale Identität, erfüllen, ist aber noch ein großes Stück Arbeit.

Autowerkstatt 4.0: Wo siehst du noch Handlungsbedarf?
Jan: Die Erfahrungen aus Catena-X haben uns gezeigt, dass das Onboarding entscheidend dafür ist, die Partner in das Ökosystem einzuführen und sie zu befähigen, sowohl auf technischer als auch auf formaler Ebene teilzunehmen. Konkret geht es darum, die richtigen Partner zu identifizieren: Wer braucht beispielsweise einen Datenkonnektor und ein Hosting, und wer nicht. Teil unserer künftigen Arbeit wird es sein, die richtigen Fragen zu stellen, um herauszufinden, was die Werkstätten brauchen, was sie leisten können und wollen.

Autowerkstatt 4.0: Was sind die nächsten Meilensteine, um das große Ziel einer KI-gestützten Kfz-Diagnose und einer sicheren Dateninfrastruktur zu realisieren?
Jan: Wir sollten zunächst auf den nächsten Meilenstein schauen, weil er wie gesagt stark die Werkstätten betrifft. Bei dem so genannten „kleinen Roll-out“ werden die Diagnosesysteme auf Basis der technisch geschaffenen Infrastruktur, die wir im ersten Meilenstein gelegt haben, in die Werkstätten gebracht. Ein Schulungskonzept, welches die THGA federführend entwickelt hat, soll genutzt werden, um in die Breite zu gehen. Im ersten Schritt wollen wir damit die Datensammlung vorantreiben. In dem Zusammenhang wird es auch um die DSGVO gehen: Das heißt, dass wir bei Bedarf bzw. wenn personenbezogene Daten erfasst werden, Einwilligungserklärungen einholen. Diese Anwendungsbeispiele im Markt zu erproben und aus ihnen langfristig unser Onboarding-Konzept für das Ökosystem Autowerkstatt 4.0 zu ziehen, darauf liegt unser Fokus im nächsten Meilenstein.

Autowerkstatt 4.0: Was sind deine Wünsche für 2023 für das Projekt?
Jan: Meine Erwartungshaltung und Wünsche orientieren sich an den tollen Ergebnissen dieses Jahres. Wir haben unter Beweis gestellt, dass wir gemeinsam in dieser Gemeinschaft Großes erreichen können. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin noch enger zusammenwachsen. Einerseits intern mit allen Partnern und Mitarbeitern, andererseits mit den vielen assoziierten Partnern, die uns allen ihr Vertrauen geschenkt haben. Es gilt diese noch stärker in das Projekt zu integrieren, weil es Partner sind, von denen wir sehr viel lernen können. Ihre Bereitschaft an Themen mitarbeiten zu können, ist klar zu erkennen. Sie wollen selbst in den Themenfeldern „Diagnose“ und „Gaia-X“ dazulernen. Ich wünsche mir auch, dass wir bei der Erreichung unserer Ziele noch etwas mehr Gelassenheit an den Tag legen, sodass wir nicht nur einen souveränen Datenaustausch gewährleisten, sondern auch ein noch souveräneres Miteinander für das Erreichen der nächsten Meilensteine.

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