Der Beruf des Mechatronikers muss digitaler werden

Deutschland stöhnt branchenweit über den Mangel an Fachkräften. Vor dem Hintergrund, dass in manch einer Werkstatt ein Generationswechsel ansteht, stellen sich viele Fragen. Im Interview schätzt Juan Hahn, der im Auftrag des Autowerkstatt 4.0-Konsortiums als Partner- und Business Development Consultant das Bindeglied zur Automobilwirtschaft darstellt, die Situation und den Einfluss des Förderprojekts ein.

Von Ralf Schädel, IT-Redakteur und Projektmanager Cloud Services und Gaia-X bei eco – Verband der Internetwirtschaft e.V.

Autowerkstatt 4.0: Juan, woran liegt es Deiner Meinung nach, dass die Ausbildungszahlen im Kfz-Bereich deutschlandweit stabil sind, es trotzdem zu einem Nachwuchsproblem kommt?
Juan Hahn: Wir sehen im Laufe der letzten Jahre, dass die Anzahl der Beschäftigten und der Auszubildenden stabil war. Jedoch ist die Anzahl der Fahrzeuge konstant gestiegen. Laut Kraftfahr-Bundesamtwaren es im ersten Quartal 2022 über 48,54 Mio. Fahrzeuge. Das ist der höchste Wert aller Zeiten.

Auf die einzelnen Werkstätten heruntergebrochen, ergeben sich also mehr Aufträge als ein Betrieb bewerkstelligen kann. Berücksichtigt man, dass die Zahl der Werkstätten rückläufig ist, hat der Bedarf der Unternehmen an Auszubildenden zugenommen – ebenso wie die Belastung für den Einzelnen. Weil es weniger Bewerber pro Ausbildungsplatz gibt, stellt sich das Nachwuchsproblem als ein Qualitätsverlust dar.

Autowerkstatt 4.0: Aus den Werkstätten ist zu hören, dass immer mehr Berufseinsteiger nicht an ölverschmierten Händen, körperlich sehr anstrengender Arbeit interessiert sind. Was sind die Gründe?
Juan
: Der Beruf des Mechatronikers muss attraktiver und mit mehr digitalen Medien ausgestattet werden. Für die Jugend gibt es keine digitale Transformation. Ihre Welt ist von Anfang an digital. Warum sollte sich ein Jugendlicher also für einen nicht-digitalen Arbeitsplatz interessieren.

Er ist den Umgang mit einem Smartphone gewohnt, seine kognitiven Fähigkeiten sind auf digitalen Content trainiert. Somit kann er Wissen viel schneller abrufen als Generationen zuvor. Ein Fahrzeug zu diagnostizieren und zu reparieren, müsste deutlich digitaler sein.

Autowerkstatt 4.0: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Wandel des Berufsbildes „Mechatroniker“ und dem der ganzen Kfz-Branche?
Juan:
Die Digitalisierung ist allgemein eine Herausforderung für die ganze Branche. Im Speziellen auf den Beruf des Mechatronikers bezogen, muss der Beruf des Mechatronikers attraktiver und – wie gesagt digitaler werden…

Autowerkstatt 4.0: … hast du ein Beispiel?
Juan:
Auf der Metaebene sind neben der Digitalisierung auch die Elektromobilität, Nachhaltigkeit und die Fachkräftesicherung die großen Herausforderungen der Branche. Bestes Beispiel ist die Diagnose. Sie ist sehr komplex, langwierig und führt mit herkömmlichen Messmethoden oft nicht zu einem konkreten Ergebnis. Erfolglose Reparaturversuche frustrieren Werkstattmitarbeiter und Kunden gleichermaßen.

Autowerkstatt 4.0: Verschärft der bevorstehende Generationswechsel bei Werkstattmeistern den Fachkräftemangel noch?
Juan:
Den Generationswechsel sehe ich nicht zwingend als Grund. Vielmehr führt der genannte Anstieg der Kfz gekoppelt mit der Komplexität der Technologien und der damit verbundenen Schwierigkeit, die Fehlersuche gezielt und effizient zu gestalten, zu einer Verschärfung.

Autowerkstatt 4.0: Kann AW 4.0 freien Werkstätten ein attraktiveres Image verpassen?
Juan:
Ja, eindeutig. Ein Projekt wie Autowerkstatt 4.0 wirkt sich erheblich auf das Image aus. Insbesondere, weil es die Customer Experience verbessert. Mitarbeiter können sich damit identifizieren, dass ein Fehler gefunden und behoben wird. Die Zusammenarbeit mit KI ist zudem spannend und „fancy“.

Autowerkstatt 4.0: Was kann eine KI-gestützte Kfz-Fehlerdiagnose in einem Ökosystem noch leisten, um freie Werkstätten und deren Personal fit für die Zukunft zu machen?
Juan:
Die Möglichkeit, an einem Kfz eine spezifischere Fehlersuche durchführen, also effizienter diagnostizieren zu können, ist entscheidend, um der Komplexität der Fahrzeuge beizukommen. Die Bildung eines Ökosystems wie das von Gaia-X kann unterschiedliche Datenstränge innerhalb der Werkstatt miteinander sicher vernetzen…

Autowerkstatt 4.0: … die Vernetzung der Daten vieler Werkstätten ebenso.
Juan:
Wir wollen Handlungsstränge aufzeigen. Für eine Werkstatt ist es wichtig, von dem Wissen anderer profitieren zu können. Informationsteilung ist die Grundlage für Wissen. Die Zugangsart und -rahmen zu den Daten stellen die Basis, um sicher und vertrauensvoll zu arbeiten.

Autowerkstatt 4.0: Mehr Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Vertragswerkstätten macht „sexy“. Ist KI ein Gamechanger?
Juan:
Am Ende werden wir KI-Modelle bilden, die für den IAM (Freie Werkstätten) wie auch für die Vertragswerkstätten funktionieren. Als Mitglied der Gaia-X Familie haben wir die europäische Souveränität im Blick. Die ist für alle Unternehmen in Europa wichtig. Egal aus welcher Branche oder welchem Branchenzweig. Wir erwarten, dass alle über ihren Tellerrand hinausdenken und gemeinsam strategisch nachhaltig handeln.

Wir bieten dafür faire Spielregeln und ein technologisch geeignetes Ökosystem. Ob unsere KI ein Gamechanger wird, hängt von der Quantität und Qualität der Daten ab, die wir erhalten und erheben, um die KI anzulernen. Und das wiederum hängt von der Bereitschaft der Markteilnehmer ab, sich an Autowerkstatt 4.0 aktiv zu beteiligen. Erfreulicherweise scheint der Markt das verstanden zu haben. Entsprechend ist die Resonanz sehr positiv und umfangreich.

Autowerkstatt 4.0: AW 4.0 möchte die Machbarkeit von KI unter Beweis stellen. Hat das Projekt indirekt auch Einfluss auf das Recruiting?
Juan:
Wir wollen Verwertungsperspektiven bereitstellen, aus denen die Privatwirtschaft eventuell digitale Geschäftsmodelle entwickelt. In Bezug auf die Entwicklung von KI-Modellen, sollen genauere Diagnosen mit einem Oszilloskop möglich sein. Hinsichtlich Research und der tiefgreifenden Forschung, die wir im Projekt im Bereich „Aftersales“ durchführen und bezüglich des Feedbacks unterschiedlicher Stakeholder, hinterfragen wir natürlich auch den Status Quo beim Recruiting.

Wenn die Durchführung einer Diagnose künftig nicht mehr zum Stellenprofil des Serviceberaters, sondern möglicherweise zu einer neuen Rolle führt – beispielsweise der eines reinen „Fahrzeugprüfers“ -, dann hat das Projekt durchaus Einfluss auf das Recruiting. Eine solche Rolle könnte womöglich geringere Anforderungen an den Bewerber stellen.  

Autowerkstatt 4.0: In welchen Werkstattbereichen will das Projekt künftig mittels KI noch einen Fußabdruck hinterlassen?
Juan:
Unternehmen, die sich im Zuge der Digitalisierung für Technologien wie die der künstlichen Intelligenz öffnen, sind grundsätzlich interessiert Prozesse und Services zu überdenken. Wir geben lediglich den Anstoß zur Veränderung und wollen zeigen, was möglich ist, wenn man sich auf ein Thema fokussiert, methodisch und systematisch Daten erhebt, diese auswertet und letztlich KI-Modelle entwickelt. Das darf gerne Schule in anderen Werkstattbereichen und in der Forschung insgesamt machen.

Meine Rolle im Projekt ist genau dort darauf zu achten, dass die Entwicklung nicht zu abstrakt wird und wir über alle Stakeholder in der Automobilwirtschaft ausreichend Tiefe in der Breite gewinnen. Vielleicht unterscheidet uns das auch etwas von anderen Projekten. Ich bin froh mit Dr. Jan Schoenke vom Konsortialführer, der LMIS AG, hierbei einen Partner zu haben, der in diese erforderliche strukturelle Vorarbeit investiert. Für uns stehen die „pains“ und „gains“ des Marktes im Vordergrund und erst im Nachgang kommt die technologische Betrachtung des „Machbaren“. So stellen wir sicher, nicht am Markt vorbei zu forschen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Artikel hat Ihnen gefallen? Dann 
abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie regelmäßige Updates zu ähnlichen Themen und zum Projekt Autowerkstatt 4.0 und diskutieren Sie mit uns zu diesem und ähnlichen spannenden Themen auf LinkedIn.

Share on